A N J A K L A F K I
A N J A    K L A F K I

Anja Klafkis Landschaften sind Radierungen. Das heißt: Sie entstehen nicht „vor der Natur", sondern in einem aufwändigen, mehrschrittigen Verfahren in ihrem Atelier. Aber im Gegensatz zur Tradition der Landschaftsradierung setzt Klafki ihre Druckplatten nicht bloß als Trägermedium ein, auf das sie eine vor der Natur erarbeitete Zeichnung setzt und dann abzieht. Klafki baut ihre Landschaften stattdessen aus unterschiedlich geformten einzelnen Platten auf, die sie oft mehrfach spiegel- und seitenverkehrt über- und nebeneinander druckt. Zur Landschaft nimmt Anja Klafkis Kunst eine denkbar unsentimentale Haltung ein. 

Ihre jeweilige Form erhalten die Platten durch die Bearbeitung mit Hammer, Zange, Stechbeitel oder Cutter. So entstehen zum einen Platten mit unregelmäßig geformten, eingetieften Rändern, die Klafki in Tiefdruck-Manier druckt. Zum anderen exakt in Form geschnittene Flächen, die vollflächig farbig gedruckt werden.

Wer Klafki bei der Herstellung ihrer Druckplatten zusieht, erlebt eine Bildhauerin bei der Arbeit: Mit manchmal erheblichem Körpereinsatz entfernt sie Material, in der fertigen Radierung hinterlässt diese skulpturale Arbeit Spuren: Die Plattenränder erzeugen im Papier eine Prägung, die sich deutlich wahrnehmbar aus der Fläche des Papiers abhebt.

Die Bildfindung ist Teil dieses Arbeitsprozesses. Erst an seinem Ende steht die Komposition fest – und ist, wie (...) man am Seriencharakter vieler Arbeiten erkennen (...) kann, keineswegs in Stein gemeißelt. Aber auch innerhalb einer Arbeit kommt der Prozess der Bildfindung nicht zum Abschluss: Aus der Komposition aus farbigen und weißen Flächen, Linien und Kurven eine Landschaft zu assoziieren – das ist die Arbeit der Betrachter. Denn die Landschaften, die wir in Anja Klafkis Radierungen sehen, die gibt es nur in unserem Kopf.

Klafkis Radierung stehen damit in der Tradition der klassischen Moderne, in der die ästhetische Wahrnehmung selbst, ihre Voraussetzungen und ihr konstruktiven, synthetisierenden Verfahren in Szene gesetzt und so analysiert werden. In dieser dezidiert modernen, gleichzeitig analytischen und konstruktiven Haltung Klafkis liegt auch der unsentimentale Charakter ihrer Arbeiten begründet: Schließlich ist die Auseinandersetzung mit dem Motiv und der Gattung 'Landschaft' für eine zeitgenössische Künstlerin riskant, vor allem wenn die Ergebnisse auch in einem ganz untheoretischen Sinne so ästhetisch ansprechend und schön sind wie bei Anja Klafki. (...) Denn passt man nicht auf, landet man schnell bei nostalgisch-romantischer Verklärung der Natur oder im subjektiven Kitsch expressiver Seelenlandschaften.

Doch davon ist Klafki weit entfernt. Ihr bildnerisches Verfahren, etwas auf geometrische Elemente zu reduzieren, das wir gelernt haben als Landschaft zu verstehen, rückt sie dagegen in die Nähe dessen, was Kartographen und Landvermesser tun. (...)

 

Dr. Christina Dongowski, Stuttgart