A N J A K L A F K I
A N J A    K L A F K I

Text aus dem Katalog „Ashore“, erschienen am 1. März 2008 anlässlich der Ausstellung
„Expeditionen“ im Ostholstein-Museum Eutin


Von Simone Jung, Museum Biedermann Donaueschingen


Ashore
... lautet der Titel dieses Katalogs und trägt somit den gleichen Namen wie die neueste Werkserie von
Radierungen Anja Klafkis [Abb. S.17 – 31]. Entnommen aus dem Wortzusammenhang „to go ashore“
(„an Land gehen“) schwingt in der Bezeichnung zugleich ein Bezug auf das Land wie auf das Wasser
mit – sei es nun Meer, See oder auch Fluss. Übertragen auf das künstlerische Tun Anja Klafkis, ließe
sich jedoch vielleicht auch sagen, dass es sich um eine Ausrichtung handelt, um eine Bewegung hin
zur Landschaft und zu neuen Ufern, sowie um ein Ankommen, Entdecken und Erforschen.
Seit nunmehr sechs Jahren beschäftigt sich die in Stuttgart lebende und arbeitende Künstlerin in ihren
eigenwilligen, großformatigen Radierungen mit dem Thema Landschaft. Dabei geht es ihr vor allem
um das Erforschen der Darstellung von Landschaft. Was ist Landschaft? Wie nehmen wir Landschaft
wahr und welches minimale Bildrepertoire reicht aus, um Landschaft visuell zu definieren?
Die Metallplatte, das Papier und die Druckpresse sind dabei ihr Handwerkszeug – und das kennt sie
gut! Über viele Jahre hat sie sich intensiv mit der Radierung auseinandergesetzt. Sie hat sie erforscht,
hat mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Zinkplatte experimentiert, dadurch eine eigene
Bildsprache entwickelt und die tradierten Grenzen des Mediums hinterfragt und überschritten. So
werden die Zinkplatten in eher bildhauerischer Manier mit Hammer und Stechbeitel bearbeitet. Teile
werden herausgeschlagen und an den Abschlagkanten entstehen mehr oder weniger unregelmäßig
gebogene oder gezackte, leicht ausfransende Konturen, deren reliefartige Strukturen sich beim
Drucken als formbegrenzende Umrisse in einer eindringlichen plastischen Qualität ausprägen.
Anschließend werden die Platten je nach Bedarf kombiniert und wahlweise von der Vorder- oder von
der Rückseite gedruckt. Sie sind folglich nicht mehr bloß Mittel zum Zweck, d.h. Träger des Motivs,
sondern werden selbst zum Motiv und bilden in deren plattentonigem Abdruck und gemeinsam mit
dem Weiß des Papiers die wesentlichen Gestaltungselemente der Kompositionen. Diese erstrecken
sich oft über mehrere Rahmen, denen in ihrer gliedernden Grundstruktur ebenfalls eine entscheidende
kompositorische Bedeutung zukommt.
War es also zunächst die Erforschung des Mediums der Radierung an sich, so verfolgt die Künstlerin
nun mit der selben Stringenz und aus dem Fundus der selbsterarbeiteten Bildsprache schöpfend, das
Wesen der Landschaftsdarstellung.
Schon in der Kunst der Renaissance bürgerte sich der Begriff „Landschaft“ als Bezeichnung für die
Darstellung eines Ausschnitts aus der Natur ein. Dieses Fragmentarische treibt Anja Klafki in ihren
Arbeiten auf die Spitze. Dazu wählt sie zunächst Ausschnitte aus Skizzen oder Fotos, sowohl aus
eigenen wie aus den Medien, und unterzieht diese einem Abstraktionsprozess der Formen. Aus
diesem Zusammenhang löst sie wiederum einzelne Bestandteile heraus, die sie im Bearbeiten der
Druckplatten entsprechend überträgt und je nach Bildfindungsprozess neu arrangiert. Dabei ergibt
sich im Wechselspiel der meist horizontal angelegten Flächen, deren teilweise Überschneidung und
des dazwischen ausgesparten Weiß des Druckbogens wiederum ein Effekt, der in der
panoramaartigen Ansicht unmittelbar eine räumliche Tiefenwirkung erzeugt, zugleich aber auch
vexierbildartig den geschichteten Druckprozess offen legt.
Eine wesentliche druckgrafische Erweiterung kam 2006 mit der Serie „Lake“ hinzu [Abb. S. 37 u. 39].
Hier kombiniert Anja Klafki das erste Mal die Radierung mit einem Hochdruckverfahren, mit dem sie
farbintensivere Flächen erzeugt. Damit verbunden ist ein homogenerer Farbabdruck, dem die
Künstlerin meist in einer klareren Formgebung, mit harten Kanten oder gleichmäßigeren Rundungen
entspricht, und die sie als Gegenpol zu den unregelmäßigeren, aufgrund der sich im Plattenton
abzeichnenden Walz- und Arbeitsspuren zusätzlich strukturierten Ausformungen der Radierung setzt.
In ihrer farblichen Präsenz, im unteren Bildbereich angesiedelt und eingebettet im Weiß des Papiers,
springen die Flächen des Hochdrucks dem Betrachter direkt in die Augen. Aufgrund ihrer
oberflächlichen Klarheit werden sie jedoch schnell erfasst und leiten den Blick sofort weiter auf die
sich darüber befindenden, farblich zurückgenommeneren, jedoch in sich mannigfaltigeren
Formabdrücke der Radierung. Dies erzeugt einen Eindruck, wie die am Rande des Blickfelds unscharf
wahrgenommenen Farbflächen oder Farbflecken eines sich in der Nähe befindlichen Meeres oder
Sees. Der Betrachterstandpunkt wird dadurch gewissermaßen innerhalb des die Farbflächen
begrenzenden, zum Teil auch in sie hineinschneidenden Weiß lokalisiert, während die fokussierten
Anmutungen der Berg- oder Hügelformationen im oberen Bildteil in noch weitere Ferne gerückt
scheinen.
Die Auseinandersetzung mit der Darstellung von Räumlichkeit war schon immer ein wichtiges
Kriterium im Werk Anja Klafkis. In der Annäherung an einen malerischen Bildraum erlangt sie jedoch
einen anderen, erweiterten Stellenwert, ergänzend zu der früheren, eher skulpturalen Ausrichtung.
Dies wird durch die oft sehr großen, mehrteiligen Arbeiten in den an Panoramafenster erinnernde
Rahmungen noch bestärkt. Die Bildgrenzen werden überschritten, indem die Bildelemente über
mehrere gerahmte Druckbögen weitergeführt werden, was sich imaginär auch darüber hinaus
fortsetzen ließe.
Es ist ein ausgeklügeltes Spiel zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, das Anja Klafki spielt:
Einerseits abstrakt, andererseits absolut gegenständlich konkret in der Dokumentation des
Materialcharakters. So lösen die im Katalog abgebildeten, in grün-blauen Farbtönen gehaltenen
Kompositionen zwar unmittelbar Assoziationen an Berge, Ufer- oder Küstenlandschaften aus,
eigentlich handelt es sich aber lediglich um materialistische Formsegmente mit naturalistischen
Anklängen, die zum Teil abrupt, mitten im Bild, in harten, senkrechten Kanten enden. Diese Brüche
bilden einen anregenden ästhetischen Reiz und verhindern eine zu erzählerische, romantisierende
Interpretation. Zugleich geben sie dem Betrachter jedoch auch den Freiraum zu eigenen
Assoziationen und der eigenen, gedachten „Vervollständigung“ des Ausschnitthaften.
Es ist also auch ein Spiel mit der Assoziationsfähigkeit und Beteiligungsbereitschaft des Betrachters.
Anja Klafki führt den Betrachter jedoch mit einer solchen spielerischen Leichtigkeit und zugleich
unaufdringlichen Ernsthaftigkeit an diesen Punkt heran, dass er sich geradezu selbstverständlich
darauf einlässt. Interessant ist in diesem Zusammenhang anzumerken, dass entsprechend geläufiger
wahrnehmungspsychologischer Erkenntnisse der Mensch seine Umwelt generell nur fragmentarisch
wahrnehmen kann – also sowohl übertragen auf den großen, globalen Zusammenhang, wie auf die
unmittelbare Sinneswahrnehmung. Im gewöhnlichen Wahrnehmungsablauf nehmen wir meist nur
Teilausschnitte der uns umgebenden Realität unmittelbar wahr, den Rest ergänzt unser Gehirn
aufgrund früher gemachter Erfahrungen, die innerhalb des zeitlich möglichen Rahmens ständig mit
dem, was wir gerade sehen, abgeglichen werden. Jedes Sehen ist somit ein – zwar unbewusst
ablaufendes – aber aktives Deuten, Ordnen und Kombinieren. Insofern kann es zu
Sinnestäuschungen kommen, jedoch kann aber auch nur derjenige die Bilder lesen, der bereits eine
Vorstellung hat, der somit schon über visuelle Erfahrungswerte verfügt – und das kann mehr oder
weniger konkret sein. So liegt beispielsweise bei „Lake V“ [Abb. S. 39] eine Assoziation an das
berühmte Matterhorn nahe. Die Künstlerin nimmt sich aber die Freiheit der Kombination und führt so
zu einer visuellen Irritation.
Vergleicht man die Arbeiten des Katalogs mit früheren Landschaftsanmutungen Anja Klafkis1, sieht
man, dass sie in ihren konzeptuellen Untersuchungen zur Landschaftsdarstellung voranschreitet. In
der Kombination verschiedener Teilausschnitte, den harten Brüchen und der zunehmenden
Abstraktion der Formen löst sie sich immer mehr von der Darstellung illusionistischer Eindrücke und
gelangt zu immer eigenständigeren, unabhängigen Bilderfindungen. Dabei wirkt alles jedoch so
selbstverständlich, zwanglos, um nicht zu sagen „geradezu natürlich“, dass die Kompositionen mit
ihren kürzelhaften Andeutungen und der sicheren Platzierung dennoch unmittelbar als Landschaften
wahrgenommen werden.
Darin zeigt sich ein künstlerisches Selbstverständnis, das seine Souveränität und Sicherheit nicht aus
einem Theoriegebilde schöpft, sondern aus den selbsterarbeiteten Grundlagen, dem kontinuierlichen
Tun, einem wachen Geist und der ständigen Auseinandersetzung, Hinterfragung und
Weiterentwicklung mit und an der eigenen Arbeit.


(1 Anja Klafki – Radierungen, edition galerie lüth, Halebüll-Schollbüll, 2002; GRAFIK RADIKAL, Stadtgalerie
im Elbeforum, Brunsbüttel, 2004; sowie: Anja Klafki – Land, anders.art.edition, Elmshorn, 2005)